Kopf-Halshaltung durch Gebiss-/Zügeleinwirkung behindert den Atemprozess

Cooks Untersuchungen haben weitere problematische Auswirkungen auf den gesamten Atemprozess ergeben. Durch den unsachgemässen Einsatz von Gebissen und von der übermässigen Zügeleinwirkung durch den Reiter ist der natürliche Atemprozess unvollständig oder gestört. Das kann durch die unkorrektes Reiten in falscher Versammlung mit hohem Kopf („falscher Knick“), durch die unkorrekte Forderung des Reiters nach übermässiger Wölbung des Halses („Rollkur“) weit hinter die Senkrechte geschehen.

Durch unphysiologischen Gebissdruck versucht sich das Pferd durch eine „Fehlhaltung“ der schmerzhaften Einwirkung des Gebisses zu entziehen oder diesen zu mindern: es kommt mit der Stirnlinie hinter die Senkrechte („hinter den Zügel“), durch das Zurückziehen des Unterkiefers wird der Gebissdruck abgemildert. Ebenso kann es den Druck auf die Zunge etwas mildern, wenn es diese vom Gebiss zurückzieht. Der Zungengrund engt beim Zurückweichen den Kehlkopf ein und stellt ihn steiler. Dadurch wird der Rachenraum eingeengt.

„Die meisten Zungenfehler, besonders die hochgezogene Zunge, sind Frühprägungen!“ (Fritz Stahlecker)

Oft wird das Pferd für die „falsche“ Haltung auch noch bestraft oder grob korrigiert.

Bei gestrecktem Kopf ist die Atmung des Pferdes am besten gewährleistet.

Durch das Abknicken des Kopfes im Kehlbereich kommt ein Teufelskreis in Gang: der Kehlkopf wird eng gestellt, der weiche Gaumen wölbt sich hoch und die Luftsackwand wölbt sich nach vorn und unten in den Rachenraum.

Dadurch kommt es zu einer starken Einengung der oberen Atemwege. Als Folge kommt es zu einem eingeschränkten Austausch von „frischer Luft“ und „verbrauchter Luft“. Die Sauerstoffversorgung des Blutes und der Abtransport von Kohlendioxid aus dem Blut finden als gleichzeitiger Austausch über die Lungenbläschen statt. Ist dieser Austausch nur unvollständig kommt es zu einer ungenügenden Versorgung des Blutes mit Sauerstoff und gleichzeitig zu einem unvollständigen Abtransport von CO2 aus dem Blut.

Damit ist direkt die Leistungsfähigkeit der Muskulatur betroffen.

Die Skelettmuskulatur arbeitet unter Sauerstoffmangel, was sich auf die Bewegungsleistung der Muskulatur nachteilig auswirkt. Diese Muskulatur kann sich aber durch kurze Pausen etwas erholen. Gravierender ist die Auswirkung auf die Herzmuskulatur: da die Herzmuskulatur ununterbrochen arbeitet, kann sie sich auch nicht regenerieren, sie leidet stärker, das Pferd ist deutlich beeinträchtigt von der Leistung her.

Cook sieht hier auch mögliche Ursachen für den „plötzlichen Herztod“ bei Sportpferden.

Grundsätzlich ist aber der gesamte Organismus, nicht nur der Nasen-Rachen-Kehlbereich, in Mitleidenschaft gezogen. Sämtliche Stoffwechselprozesse sind durch den Sauerstoffmangel und die Übersäuerung des Bluts beeinträchtigt, was sich auf körperliche Leistung auswirkt. Für eine Höchstleistung muss das Pferd also unphysiologisch viel Energie verschwenden.

Durch das unvollständige Ausströmen der verbrauchten Luft, da ja auch die oberen Atemwege deutlich eingeengt sind, verbleibt Kohlendioxid z.T. in der Luftröhre und in den Bronchien. Das CO2 vermischt  sich mit der frischen Einatemluft. Damit ist die Luft, die zu den Alveolen gelangt deutlich weniger mit Sauerstoff gesättigt, die O2-Versorgung des Blutes wiederum gemindert.

Dieser Effekt kann sich kumulieren, der Unterdruck in den Lungenbläschen, der durch das Zurückgehen des Zwerchfells beim Einatmen entsteht, nimmt zu. Das entspricht einer permanenten Einatemsituation, die Lungenbläschen erweitern sich und damit erhöht sich die Durchlässigkeit der Membranen für Flüssigkeit: als Folge könnte es zu höherem Risiko der Lungenblutung oder auch Lungenödemen kommen.

Die Einengung der oberen Atemwege in abgewinkelter Kopfposition bewirkt wie schon beschrieben, einen gestörten Atemfluss. Die ein- oder ausströmende Luft verwirbelt im Rachenraum und bewirkt damit eine Reizung der Schleimhaut. Entzündliche Prozesse sind die Folge.

Deutlich hörbar bei sehr eng gehenden Pferden sind unnatürliche Atemgeräusche: der eingeengte Luftstrom verursacht beim Atmen ein pfeifendes oder keuchendes Geräusch. Es ist das akkustische Symptom von behinderter oder eingeschränkter Atmung.

Interessant ist die Aussage von Professor Hans Geyer vom Veterinäranatomischen Institut in Zürich: „Trainer von Galoppern oder Trabern binden ihren Pferden die Zunge am Unterkiefer fest. Sie wollen nach Möglichkeit jede Bewegung der Zunge und damit des weichen Gaumens verhindern.“